Das Maitri Projekt und die Männer von morgen

Wie Gewaltprävention die Jungen ganz groß rauskommen läßt

 

Veröffentlicht am 12. August 2026

Wir freuen uns, die Zusage von der Postcode Lotterie erhalten zu haben, unser Projekt mit 30.000€ zu fördern! Dreißig Prozent des Losbeitrags der Postcode Lotterie fließen in soziale und ökologische Projekte mit den Schwerpunkten sozialer Zusammenhalt, Chancengleichheit und Natur- & Umweltschutz. Herzlichen Dank!

„Neue Männer braucht das Land!”

Wir möchten hier einen Teil des Maitri-Projekts vorstellen, der uns besonders ans Herz gewachsen ist, denn er packt das Problem bei der Wurzel und ermöglicht so, Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Indien wirksam entgegen zu wirken. Denn Prävention bedeutet bildlich gesprochen eine Krankheit zu heilen, anstatt die Syptome zu behandeln.

Mit dem Titel “neue Männer braucht das Land” stürmte Ina Deter 1982 die deutschen Charts und auch heute noch kennen viele diesen Titel, der in den Achzigern in Deutschland Themen der Frauenbewegung in den Mainstream brachte. Link zum Song auf Youtube

Der Song wurde zu einer Art popkulturellem Kommentar: Er kritisiert das traditionelle Männerbild und fordert einen „neuen Mann“, der emotional zugänglicher ist, Gleichberechtigung lebt und Verantwortung im Alltag (z. B. Haushalt, Kinder) übernimmt. Der Titel ist bewusst provokant und zugespitzt und bot sich als Slogan der Frauenbewegung an.

Getreu diesem Spirit stößt das Jugendtraining für männliche Jugendliche in Indien einen nachhaltigen Gesinnungswandel an: Es ermöglicht den Jungen, ihre sich entwickelnde Männlichkeit frühzeitig positiv zu erleben. Statt sie als potenzielle Täter zu stigmatisieren, bindet das Programm sie als Teil der Lösung zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt ein. So werden aus den Jugendlichen Verbündete, die sich als Botschafter und Multiplikatoren aktiv für ein gewaltfreies Miteinander einsetzen.

Teenagertraining in Indien - ein Erfahrungsbericht

Samyak will einmal professioneller Hockeyspieler werden

„Zum ersten Mal habe ich wirklich verstanden, was der Unterschied zwischen Liebe, Freundschaft und bloßer Anziehung ist! Früher hat niemand mit uns über die Veränderungen gesprochen, die in unserem Alter im Körper und im Kopf passieren.“

Samyak, ein Neuntklässler der Shri Shivaji High School im indischen Bundesstaat Maharashtra hat an einem Training für Jugendliche zum Thema „Männlichkeit neu denken” teilgenommen.

Besonders bewegt hat ihn das Gespräch über das sogenannte „Eve Teasing“ – so wird in Indien umgangssprachlich sexuelle Belästigung im Alltag bezeichnet. Erst dadurch hat er erkannt, wie verletzend und belastend dieses Verhalten für Mädchen ist. Für Samyak steht fest, dass er sich nicht nur selbst davon distanziert, sondern auch seine Freunde zu einem respektvollen Umgang ermutigen will.

Auch ein größerer Zusammenhang ist ihm bewusst geworden: Gewalt und Unsicherheit tragen dazu bei, dass Mädchen oft früh verheiratet werden. Dieses Verständnis hat seine Sicht auf die Lebensrealitäten von Mädchen grundlegend verändert.

Die Einheiten zur Persönlichkeitsentwicklung haben ihm zudem geholfen, selbstbewusster zu werden. Und auch zu Hause hat sich etwas verändert: Samyak sieht nun klarer, wie viel Arbeit seine Mutter und seine Schwester täglich leisten – und möchte sie künftig aktiv im Haushalt unterstützen.

Samyak träumt davon, einmal professioneller Hockeyspieler zu werden. Mit seiner Haltung hat er schon jetzt das Potenzial, nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch im Leben ein Vorbild zu sein.

Dieses Mitmach-Projekt gibt 13- bis 17-jährigen Jungen den Raum, über ihr eigenes Leben nachzudenken. Es stärkt genau die Fähigkeiten, die sie brauchen, um unfaire Einstellungen über Bord zu werfen. Durch kritisches Hinterfragen, gemeinsames Anpacken und gegenseitige Unterstützung lernen die Jugendlichen, wie geschlechtergerechtes Verhalten im echten Leben funktioniert – in der Familie, unter Freunden und in ihrem gesamten Umfeld.

Sachin findet Gleichberechtigung wichtig! Schau dir in diesem Video an, wieviel Spaß es macht, Männlichkeit neu zu erleben!

Hintergrund: Eve-Teasing - der schleichende Weg zur Verharmlosung, Desensibilisierung und Enthemmung

Der Begriff „Eve-Teasing“ klingt harmlos, doch genau in dieser Verniedlichung liegt die Gefahr: Wenn alltägliche sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum – angefangen bei hinterherrufen, pfeifen und starren bis hin zu berühren, folgen oder intimen Übergriffen – als bloßes „Necken“ abgetan wird, setzt das einen gefährlichen Prozess in Gang.

  • Verharmlosung & Schuldumkehr: Weil Grenzüberschreitungen nicht als Machtdemonstrationen benannt werden, wird das Verhalten von Tätern geduldet. Der Name „Eve“ schiebt Betroffenen subtil eine Mitschuld als vermeintliche Verführerinnen zu.

  • Desensibilisierung: Frauen gewöhnen sich an die Unsicherheit, meiden bestimmte Orte oder ziehen sich zurück. Da die Übergriffe zum Alltag gehören, sinkt auch die Zivilcourage des Umfelds.

  • Enthemmung: Die gefährlichste Stufe dieses Prozesses. Wenn Heranwachsende erfahren, dass respektloses Verhalten weder soziale Ächtung noch rechtliche Konsequenzen nach sich zieht, testen sie systematisch Grenzen aus. Aus verbalen Anzüglichkeiten wird körperliche Übergriffigkeit; die Hemmschwelle für schwerere Formen geschlechtsspezifischer Gewalt sinkt drastisch.

Das vermeintlich harmlose „Eve-Teasing“ ist somit kein unschuldiges Alltagssphänomen, sondern der Nährboden, auf dem tief sitzende Ungleichheit und Gewalt gegen Frauen gedeihen. Um diese Kette zu durchbrechen, braucht es eine klare Benennung des Problems, ein Umdenken bei Jungen und Männern sowie den mutigen Schutz des öffentlichen Raums für alle.

Das Maitri-Projekt ermöglicht neue Wege für junge Männer

Im Maitri Projekt nehmen insgesammt ca. 2640 männliche Jugendliche von 13 bis 18 Jahren sowie 1320 junge Mäner von 19 bis 25 an den Trainings teil. Unsere Partnerorganisationen arbeiten in vielen indischen Distrikten an einer permanenten Verbesserung des Trainings und haben inzwischen über einen Zeitraum von acht Jahren ein beachtliches Knowhow und Fingerspitzengefühl entwickelt. Denn die Jungs sollen Spaß haben, fühlen - es ist für sie selbst ein Gewinn, an dem Training teilzunehmen und natürlich sollen sie freiwillig dabei sein und bis zum Ende bleiben. Über 15 Trainingseinheiten, die sich über ein Jahr erstrecken, sind nicht zu letzt Themen wie

  • das Verstehen des eigenen Körpers während der Pupertät, der eigenen Sexualität und Bedürfnisse

  • wie man eine gesunde, harmonische und gleichberechtige Beziehung lebt

  • warum Gewalt schädlich für alle ist

  • Persönlichkeitsentwicklung und wie sich ein gesundes Selbstbewusstsein positiv auf das ganze Leben auswirkt

ausschlaggebend für das echte Interesse der Jugendlichen.

Damit starten sie in ein Erwachselenleben, in dem sie kompetent und für andere wegweisend sind – gut ausgerüstet, um echte Führungspersönlichkeiten mit Herz zu werden.

 
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